Leben am Rande der Gesellschaft 2019 – Unterstützung in Bosnien

Bericht von Nicola Baloch, 3.2.2019

Zurück aus Prijedor im Norden Bosniens in der Republika Srpska haben wir viel zu erzählen. Das Auto voll gepackt mit Euren Sachspenden und Babysachen machen wir und am Freitag Vormittag auf den Weg und erreichen nach ca. 3 Stunden die bosnische Grenze, die wir problem- und fraglos überqueren. Nicht mal die obligatorische Schokolade ist nötig 😉.
Wir treffen Olgica in der Stadt, wo sie auf uns wartet und gehen erst mal einkaufen mit ihr. „Hast Du Zucker? Ja, habe ich. Ok dann nehmen wir 2 kg“. „Hast Du Marmelade? Nein, brauche ich nicht, die ist zu teuer. Na gut, dann nehmen wir 2 Gläser“….mit Dada einkaufen ist ein Schrei 😉 Wir kaufen ein zweites Schlafsofa für Olgicas Zimmer, damit sie nicht mehr auf der Matratze am Boden schlafen muss und am nächsten Tag noch einen Couchtisch dazu.
Danach fahren wir direkt auf einen Hügel am Rande der Stadt, auf welchem ganz oben im Wald Olgica in einem kleinen baufälligen Haus lebt. Die Fensterrahmen wackeln, die Decke ist feucht nach einem Wassereinbruch im löchrigen Dach, das halbe Haus hat einen Betonboden mit Teppichen abgedeckt und die spärliche Einrichtung besteht aus Möbeln aus den 70er Jahren, die nur mehr schlecht als recht zusammenhalten. Im Wohnzimmer stand bis vor kurzem nur ein Herd und der Ess/Kochtisch bis Dada bei ihrem letzten Besuch eine Schlafcouch kaufte. Die Küche existiert nicht, ist eine Speis in der ein Knoblauchzopf aus dem Garten und ein Paar Kartoffel liegen. Die Lebensmittel, welche wir mitbringen, lagert Olgica im Schlafzimmer, mitgebrachte Schätze für eine Frau, der das Leben so übel mitgespielt hat, dass sie oft nicht einmal etwas zu essen hat.
Wasser und Strom gibt es nicht im Haus. Es gibt eine Pumpe im Garten, mit der man Zisternenwasser pumpen kann, welches Olgica abkocht, bevor sie es trinkt. Das Wirtschaftswasser ist Regenwasser, das sie in Töpfen rund um das Haus sammelt. Im Bad steht eine alte Sitzbadewanne, in der auch die Wäsche gewaschen wird, natürlich von Hand. Zum Heizen und Kochen hat Olgica etwas Holz, das sie aus dem Wald holt. Sie wohnt mutterseelenallein in ihrer Keusche; alle drei Monate kommt ihr Sohn von der Saisonarbeit in Slowenien nach Hause und verbringt etwas Zeit mit ihr. Das Haus nebenan gehörte einem Onkel, der vor zwei Wochen gestorben ist. Hinterlassen hat er ihr zwei kleine Hunde und etwas Brennholz. Da wollte Olgica schon aufgeben; einfach das Handy abschalten und allein in ihrem Haus sterben. „Hätte sie nur besser auf den Onkel geschaut, dann würde der 82jährige vielleicht noch leben“, macht sie sich Vorwürfe. Die Schwester wohnt in der Stadt- zu Fuß weit weg und „seit ich ein Handy habe, kommt sie auch nicht mehr auf Besuch, sie ruft lieber an“, erzählt uns Olgica. Im Winter ist Olgica oft eingeschneit, sie wartet schon sehnsüchtig auf den Frühling, wenn sie wieder im Garten arbeiten kann und die Tage länger und damit heller werden. Im Ausland war sie noch nie und Pass hat sie auch keinen.

Seit drei Jahren lebt Olgica nun mehr oder weniger völlig von der Außenwelt abgeschnitten in bitterer Armut; Sozialhilfe bekommt sie nicht, dafür ist die Bürokratie zu steil für sie. Im Sozialamt rieten ihr die Sozialarbeiterinnen sich für psychisch krank und damit unmündig erklären zu lassen; nur so könne ihr geholfen werden, aber Olgica hat ihren Stolz. „Bevor ich mich für entmündigen lasse, sterbe ich lieber allein in meinem Haus“, meint sie. Seit Dada sie besuchen kommt, ist wieder etwas Lebensmut in Olgica aufgeblitzt sie sieht das Leben nicht mehr ganz so schwarz. Strom wäre der Hit, dann hätte sie Licht und könnte Radio hören oder ab und zu fernsehen und Dada lässt ihre Kontakte spielen. Aber da sind die Stromschulden des Großvaters und selbst eine Neuanmeldung und mit ihr die Tilgung der Stromschulden würde 400€ kosten, für Olgica die manchmal gegen Trinkgelder die Häuser anderer Menschen putzt, auch um ihr Handy dabei aufladen zu können, eine Unsumme Geld.

Olgica freut sich über alles, was wir ihr bringen, die Lebensmittel, die Kleidung, die Möbel, die wir für sie kaufen, aber am meisten freut sie sich über unseren Besuch, dass sich jemand für sie interessiert. Sie ist gescheit, aber wirkt trotzdem irgendwie verloren. Was ihr trotz ihrer schwierigen Lage Halt gibt, ist ihr tiefer Glaube. Dada nimmt sie unter ihre Fittiche und gemeinsam planen sie den Reisepass für Olgica zu beantragen und eine Reise nach Graz zu machen, eine Zeit lang bei Dada auf Besuch zu sein und etwas von der Welt sehen. Olgica lacht und erzählt von früher, holt Fotos aus ihrer Jugend und zeigt uns ihre Hochzeits- und Familienfotos. Schweren Herzens verlassen wir sie nach einem gemeinsamen Ausflug in die Stadt, bei dem wir schon mal das Geld für den Pass einzahlen, nach einigen Kaffees und langen Gesprächen und machen uns auf den Weg noch mehrere Familien mit „Geschenken“ zu besuchen.
Auch wenn diese Familien ähnlich arm sind und es hinten und vorne an allem fehlt, und sie sich ebenso freuen, uns zu sehen, so hat uns doch niemand so berührt wie Olgica. Auch wenn sie noch so arm ist, ist sie eine schöne Frau mit einer besonders bescheidenen und herzlichen Ausstrahlung. Wir versprechen wieder zu kommen. Auf der Heimreise überlegen wir, wie wir das mit dem Strom hinbekommen, und ob wir im Sommer nicht jemanden engagieren können, das Nötigste im Haus zu reparieren….

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