Day 9 auf Lesbos when the rain set in

Bericht von Nicola Baloch (4.1.2016)

Das Team von der Nachtschicht kommt nachhause, als wir gerade losstarten und geht nach einer durchwachten Nacht am Strand erstmal mützen. Wir fahren nach Moria und ich beginne im Kleiderzelt mit der Ausgabe. Es sind wieder Boote angekommen und vor mir stehen nasse Menschen, die wir sukzessive neu und warm einkleiden. Schuhe gibt es keine zur Zeit also bedienen wir uns eines Tricks. Wir schneiden die silbernen Rettungsdecken in Stücke und geben sie zusammen mit neuen Socken aus. Man wickelt sich die Decke um den Fuss und steigt dann erst in den Schuh. Ich habe eine Frau aus Afghanistan mit zwei kleinen Kindern 1,5 und 6 Jahre alt. Sie ist 27 jahre alt und im 8. Monat schwanger. Alle sind soaking wet und haben keine Schuhe mehr. Ich bitte sie in den Umkleideraum und beginne mit ihr. Beim Anziehen bemerke ich, dass sie grün und blau ist und ihr Hintern wund ist. Als alle warm und trocken sind, gehe ich mit ihnen nebenan zum Notarztteam und übergebe sie für eine Untersuchung und Behandlung ihrer Wunden. Meine Kollegen im Zelt glauben, ich spreche Arabisch und Farsi, weil ich immer verstehe, was die Menschen brauchen, aber ich höre einfach mit dem Herzen zu. Ein Blick auf die nassen Hosen, Schuhe, frierenden Körper genügt, und ich hole Jacken, Pullis, Hosen und gebe immer auch Socken und Unterhose dazu sowie Seife und Rasierer, und für Frauen mit Kindern stelle ich ein Basic Hygieneset zusammen. Der Himmel zieht zu und es beginnt zu nieseln.
Das ist der Anfang vom Ende. Ich fülle meinen Rucksack mit Einweg Regenponchos und verteile sie im Camp. Besonders die Menschen in den Warteschlangen vor der Frontexregistrierung, die hier stundenlang stehen, brauchen Regenschutz. Als ich durch die Schlange gehe, sehe ich eine junge Mutter, die am Boden sitzt über ihr Baby gebeugt und den Papa daneben mit dem zweiten Baby. Die Mutter wirkt besonders verzweifelt; das Baby ist vielleicht 4 Monate und trägt keine Haube. Sie tun mir leid, und ich marschiere für sie nach vorne zum Seiteneingang und frage den Polizisten, ob ich die Familie bringen kann. „Ja, ja, komm nur. “ Sie sind voll happy und ich gehe mit ihnen hinein und zeige ihnen im Hof die drei Türen, wo sie sich anstellen müssen. Da kommt ein anderer Polizist und regt sich fürchterlich auf, wer ich sei, dass ich Leute hineinbringe, das dürfen nur unsere Freunde vom UNHCR, die nie da sind, wenn sie gebraucht wären. Ich deute der Familie stehen zu bleiben und gehe mit dem Polizisten weg. Ich lasse mich beschimpfen bis zum Tor und bedanke mich dann. Immerhin ist die Familie im Trockenen und kommt jetzt dran. Das ist schon ein bißchen Abuse wert, den ich eh nicht verstehe.
Inzwischen ist der Regen strömend geworden, und wir schleppen kistenweise Regenponchos durch das Camp, um die Leute trocken zu halten. Das Camp löst sich nach drei Stunden Starkregen im Schlamm auf. Wir bringen die Leute in den Zelten unter. Um 7 ist das Camp ungewöhnlich ruhig, nur der Regen prasselt auf die Zelte.
Ich setze mich ins Teezelt vor die Heizung neben einen jungen Mann. Wir trocknen beide unsere Hosen, die dampfen wie heisse Suppe. Hamid ist ca. 17 und kommt aus Afghanistan. Er wartet noch auf einen Freund, der erst aus der Türkei übersetzt. Gemeinsam wollen sie nach Deutschland. Er hat keinen Schlafplatz, da ihn ein paar Syrer aus einem Zelt rausgeworfen haben, das er sich gecheckt hatte. Sie waren einfach mehr. Ich lade Hamid ein, heute abend mit uns zu kommen und bei uns zu schlafen, und er nimmt dankend an. Das Team schaut gross, ist aber einverstanden mit Hamid. Gemeinsam fahren wir ins Restaurant; davor schauen wir noch zum Hafen, ob Hilfe gebraucht wird mit Tee oder sonstwas. Am Hafen ist der Sturm orkanartig. Man kann kaum gehen und der Regen peitscht mir ins Gesicht. Die Menschen sind schon auf der Fähre, Anstellen ginge bei diesen Bedingungen gar nicht.
Im Gasthaus bei „unserem“ Griechen kommen Amira und Wolfgang mit „Amiras syrischer Familie“. Drei Erwachsene und 6 Kinder allen Alters. Wir laden sie auf eine heiße Gemüsesuppe ein, und ich rufe die Damen vom Caritas Hotel an. Wir können die family bringen, was wir auch tun mit Wolfgang, mir und den 9 Personen in einem Auto. Hier wirklich das geringste Problem. Zurück zuhause besprechen wir noch den letzten Tag und quatschen mit unserem Gast, der nur Farsi spricht. Wir lesen gemeinsam refugee phrasebook als Gute Nacht Geschichte. Er trinkt noch einen Tee und schläft ein. Um 12 sind auch wir im Bett, während draußen weiter der Sturm wütet. Ich denke an die Menschen im Camp und in den Booten und weine mich in den Schlaf.

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