Portrait 2

Marion Bock, 14.09.2020

Ende 2015 kam Herr A. mit seiner Frau und den 3 kleinen Kindern in der Südsteiermark an. Im Irak betrieb das Ehepaar eine Apotheke, Herr A. war außerdem für einen internationalen Pharmakonzern tätig, für den er Medikamente an Krankenhäuser verteilte. Damit war er ein wichtiger Systemerhalter, weshalb sein Name auf der Verfolgungsliste des IS stand. Kurz nach der Geburt des dritten Kindes flüchtete die Familie und machte sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft.

Zwei hochqualifizierte Menschen, die jahrelange Berufserfahrung als selbständige UnternehmerInnen und Mitarbeiter in einem internationalen Konzern in einer der gewinnorientiertesten Branchen weltweit mitbrachten – und trotzdem mehrere Jahre extremer Anstrengung, gepaart mit Zweifeln und Frustration, erlebten, bis sie endlich die bürokratischen Hürden und die gesellschaftlichen Vorurteile in diesem Land überwinden und beruflich Fuß fassen konnten!

Trotz der Tatsache, dass Herr A. vom IS persönlich mit dem Tod bedroht worden war, bekam die Familie nur subsidiären Schutz zugesprochen. Das bedeutet u.a. eine sehr schlechte finanzielle Situation (u.a. kein Anspruch auf Familienbeihilfe) und eine zeitliche Befristung des Schutzes und damit verbunden die ständige Angst der Ablehnung des Antrags auf Verlängerung. Trotz dieser schwierigen Situation erlernten Herr und Frau A. in kurzer Zeit Deutsch auf C1 Niveau und absolvierten an der Grazer Universität einen Lehrgang zur Nostrifizierung ihrer Ausbildung als PharmazeutInnen. Erst mit diesem Abschluss an einer österreichischen Universität war es formal möglich, in einer Apotheke eine Stelle für das AspirantInnenjahr antreten zu können, dessen Absolvierung Voraussetzung dafür ist, als ApothekerIn arbeiten zu dürfen.

Diese vielen oft mühsamen Schritte machten Herr und Frau A. während sie sich gleichzeitig um Kindergarten- und Schulplätze für ihre Kinder kümmerten und sich durch den Dschungel der österreichischen Bürokratie kämpften. Dass der schwierigste Schritt – nämlich eine Apotheke zu finden, die Herrn A. mit all seiner Kompetenz, seinen Sprachkenntnissen, seinem Leistungswillen und seiner extremen Einsatzbereitschaft als Aspirant anstellen würde – erst kommen würde, konnten er und seine Frau nicht ahnen. Herr A. bewarb sich bei mehr als 100 Apotheken in ganz Österreich – und bekam nach einem Jahr endlich die Zusage in einer Apotheke im Bundesland Salzburg.

Inzwischen hat Herr A. das Aspirantenjahr erfolgreich abgeschlossen und lebt mit seiner Familie in Salzburg Land. Nun sucht seine Frau eine Stelle als Aspirantin, und wir hoffen sehr, dass es diesmal schneller klappt und ein/e ApothekerIn bereit ist, zu erkennen, welch Gewinn eine Mitarbeiterin mit diesen Kompetenzen und Ressourcen für ein Unternehmen ist.

Familie A. ist angekommen. Trotz aller Hürden und Vorurteile, die die österreichische Politik und Gesellschaft zu bieten haben.

1 Response

  1. Gerlinde Mayer

    Meine allerhöchste Wertschätzung dieser Familie. Es ist für mich nicht vorstellbar, woher die Kraft kommt, nach dem Leiden im Heimatland, der Flucht und den gesellschaftlichen und politischen Hürden in Ö so lange durchzuhalten, bis sie annähernd an ihr Leben von früher anknüpfen können. Verlust von Heimat, Freunden und Familie kann nie ersetzt werden. Alles Gute weiterhin der Familie.

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