Angekommen – Portrait 17

von Thomas Ots, 18.4.2021

Ich melde mich mit meiner Geschichte zu Wort, obwohl diese jetzt 60 Jahre zurückliegt. Aber es geht mir darum zu zeigen, wie viel Schicksale wir ­ vor allem bei Kindern und Jugendlichen – zum Positivem verändern könnten, wäre es uns möglich, unserem Herzen zu folgen, Flüchtlingen persönlich zu helfen und sie in unseren Familien aufzunehmen.

Ich wurde als Kind estnischer Flüchtlinge 1947 in einem Flüchtlingslager in Hannover geboren. Meine Eltern, meine ältere Schwester und ich lebten dort neun Jahre lang in einem Zimmer – ohne Küche, ohne Bad, ohne WC. Aber als Kind empfand ich das alles nicht als so schlimm, Essen war zwar knapp, aber wir erhielten „Care“-Pakete aus den USA. Unser Haus war zwar eine Baracke – im 2. Weltkrieg ein Lager für italienische Kriegsgefangene –, aber wir hatten einen festen Boden und ein Dach über dem Kopf.

Als ich eingeschult wurde, fragte uns die Lehrerin, wo wir wohnen. Ich gab ihr die Adresse. „Aber doch wohl hoffentlich nicht in der Nähe von dem Lager!“  Das war ihre Antwort. Ich war ja noch unschuldig und sagte: „Im Lager.“ Von Stund´ an setzte etwas ein, was wir heute als Mobbing bezeichnen. Damals gab es dafür noch keinen Namen, aber man wusste schon wie es geht. Aber nicht etwa die Mitschüler mobbten mich, nein, die Lehrerin. Das ging sehr einfach. Wann immer ich mich meldete, nahm sie mich nicht dran. Und wenn ich mal auf eine Frage keine Antwort wusste, fragte sie mich und schalt mich.

Als ich in der dritten Klasse das Halbjahreszeugnis in der Hand hielt, da standen dort zwei „Fünfer“ in den nicht gerade unerheblichen Fächern Rechnen und Schreiben. Und es stand da, dass die Versetzung gefährdet sei und eine Sonderschule für mich in Frage käme.

Und dennoch wurde dieses achte Lebensjahr für mich nicht zur Katastrophe. Das Leben nahm für mich eine schicksalhafte Wendung. Zum Guten. Meine Eltern hatten nach neun Jahren im Lager endlich eine kleine Wohnung gefunden, in einem Stadtteil auf der anderen Seite der Stadt. In den Sommerferien zogen wir um. Dort in Oberricklingen, in meinem neuen Zuhause, gab es zwei Schulen. Irgendjemand drückte für mich die Hoffnung aus, dass ich in die Martensplatzschule kommen möge. Und am besten gleich zu Herrn Sonntag. Das sei ein toller Lehrer, aber wer weiß, ob er gerade eine dritte Klasse habe. Ich kam in die Martensplatzschule, Herr Sonntag hatte gerade eine dritte Klasse, und mein Lehrer hieß Herr Sonntag. Er war groß und hager, mit einer langen Nase und einem gütigen Lächeln. Und nun folgen viele Bilder. Herr Sonntag nahm mich bei der Hand – ja, er hielt meine Hand! –, stellte sich mit mir vor die Klasse, sagte, dass ich der neue Schüler sei, dass ich jetzt dazugehöre und dass ich Thomas heiße. Und ein großer, dicker Schüler namens Gustav in einer der hinteren Reihen stand auf und rief: „Etwa Thomas Mann?“ Ich hatte noch nie von einem Thomas Mann gehört, aber Thomas in Verbindung mit Mann, das klang gut. Heute kann ich mich nicht an viele Gesichter aus dieser Klasse erinnern, aber die Welle, die da, während ich vor den anderen Schülern stand, auf mich zukam, war eine Welle von Sympathie. Hier also stand ein kleiner Thomas Mann, war aufgenommen, angekommen.

Als beim ersten Diktat Herr Sonntag durch die Reihen ging und mal hier, mal dort in die Hefte schaute, da bedeckte ich die Stelle mit meiner Hand, wo die mit roter Tinte geschriebene „5“ aus der alten Schule stand. Ich schämte mich sehr. Als dann Herr Sonntag die Schularbeit zurückgab, da war ich nicht bei den Fünfern, auch nicht bei den Vierern dabei. Aufatmen. Aber als ich auch nicht bei den Dreiern war, da war ich mir sicher, dass ich wieder schlecht geschrieben hatte, Herr Sonntag mich aber nicht bewerten wolle, da ich ja neu war. Und dann hörte ich, wie von weiter Ferne: „Thomas, eine 1“.

Von „5“ auf „1“ in nur acht Wochen, ermöglicht durch einen Lehrer, der mich bei der Hand genommen, gütig zu mir hinuntergeschaut, mir zugenickt hatte, einer Gruppe von Gleichaltrigen, die mich freudig aufgenommen hatten? Welche Macht Zuneigung und Zuwendung haben kann, welche Potentiale sie freizusetzen vermögen!

Später studierte ich Medizin und noch später Kulturanthropologie, ich wurde für ein Jahr als „visiting fellow“ an die Harvard Universität eingeladen und wurde der erste deutsche Lehrstuhlinhaber für Gesundheitsförderung. Ich hätte aber auch in einer Sonderschule landen können!

Was machte den Unterschied zweier gegensätzlicher Lebensläufe aus? Menschliche Wärme!

Deswegen blutet mein Herz, wenn ich sehe, wie unsere Politiker mit den Schicksalen von Menschen spielen. „Unser Boot ist voll“ das hört man immer wieder. Meiner Familie gab man ein Dach über dem Kopf im zerstörten post-nazistischen Deutschland! Das gilt es zu vergleichen.

Oder Österreich leiste ja „Hilfe vor Ort“.  Welch´ hohle Phrase! Wo ist „vor Ort“ für einen Flüchtling? Dort, von wo er geflüchtet, eventuell um sein Leben gelaufen ist, dort, wo er gerade festsitzt und nicht weiter kann, dort, wo kaltes Wasser durch sein Zelt fließt?

Nein, „vor Ort“ ist überall, wo jemand angenommen wird, wo sie/er Hilfe, menschliche Wärme und Zuneigung erfährt, wo sie/er aufgenommen wird.

Es gibt ausreichend Menschen und Familien in Graz und Österreich, die helfen wollen, die Flüchtige in ihrem Heim aufnehmen möchten – so auch ich. Das darf man uns nicht verwehren. Was für Herzen schlagen in der Brust unserer Regierenden?

Deswegen beteilige ich mich an der Aktion „Wochenende für Moria Graz“ und fordere die

  • Aufnahme von mindestens 100 Familien aus Moria in Österreich vor dem Wintre 2021/2022
  • Die umgehende Evakuierung aller unzureichenden Camps
  • Die Errichtung sicherer Fluchtrouten
  • Eine aktive Rolle Österreichs an der Erarbeitung einer solidarischen und menschenrechtskonformen EU-Asylpolitik

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